Witterungsbericht November 2002

für Deutschland, Österreich und die Schweiz


Zenting-Daxstein gehört mit seiner positiven Mitteltemperatur-Abweichung von + 3,4 K zur Spitzengruppe in Deutschland, da in höheren gelegenen Gebieten Süd- und Ostbayerns die häufigen Föhnlagen besonders deutlich und lange zu spüren waren. Die erste Dekade brachte aber zunächst einen Vorgeschmack auf den Winter. Alle sechs Frosttage des Monats ereigneten sich vom 5. – 10.11. (darunter am 6. und 7. auch die ersten beiden Eistage der beginnenden Wintersaison), danach gab es bis zum 7.12. keinen Luftfrost mehr und selbst Bodenfrost war nach dem 11.11. kein Thema mehr. Dafür stieg die Temperatur am 16.11. in der Föhnluft (und bei deutlicher Lufttrübung durch Saharastaub) bis 17,5°C, ein Wert wie er in den vergangenen 20 Jahren im November hier noch nicht erreicht wurde (Tagesmittel 14,2°C!). Die zweite Föhnlage vom 24./25. November war dann nicht mehr so stark ausgeprägt (immerhin 12,7°C am 25.). Mit der Mitteltemperatur von 5,2°C reichte es zum viertwärmsten November der letzten 112 Jahre nach 1926 (5,9°), 1994 (5,7°) und 1963 (5,7°). 

Den jahreszeitgemäßen 15 Nebeltagen standen immerhin 8 Tage mit zum Teil herrlich klarer Alpensicht gegenüber (das bedeutet Sichtweiten über 100 km; allerdings überhaupt nicht am 16. – siehe  oben der Saharastaub).

Der Herbst war in Daxstein nur leicht übertemperiert (7,6°C = + 0,4 K), dafür deutlich zu nass: 458,8 mm sind 162 mm zu viel oder 154 % des Mittels 1961 – 1990.

Deutschlandweit verlief der heurige November so mild wie seit 1994 nicht mehr, z.B. in München, dort war er vor acht Jahren aber auch gleich ein ganzes Grad wärmer. In Klagenfurt muss man allerdings bis 1926 zurück gehen, um ein höheres Temperaturmittel zu finden (2002 7,0°C, 1926 7,3°C); somit ist hier 2002 der zweit-wärmste November seit 1813 (Beobachtungsbeginn in Klagenfurt)  registriert worden!

Während der extremen Föhnlage vom 15./16. November gab es an einigen Orten im österreichischen Alpenraum Rekordtemperaturen für November mit den höchsten je gemessenen Maxima:

  • Salzburg-Maxglan  24,1°C am 16.
  • Graz-Thalerhof  22,8     am 15.
  • Klagenfurt   21,5     am 16.
  • Kremsmünster  23,4     am 16.
Die am 16.11. in Waidhofen an der Ybbs und in Bad Goisern registrierten 25,6°C sind für Mitte November ganz einzigartig. Bislang spätestes Datum für einen Sommertag im November war der 7.11.1997 (Lofer und Bad Ischl je 25,4°C). Weitere Sommertage im November gab es am 5.11. 1994 (Bregenz, Hittisau, Dornbirn und Feldkirch) sowie am 2.11. 1968: Unken, Enns, Mitterkirchen, Mondsee und sogar 26,6°C in Schlins bei Feldkirch in Vorarlberg. Damit ist die Behauptung in der 111. Beilage der Berliner Wetterkarte, dass heuer die bisher höchsten Novembertemperaturen in Österreich vorgekommen sind, nicht richtig.

Auch in den vergangenen Jahrzehnten hat es im November große Föhnlagen gegeben, einige seien aufgeführt:

  • Der sogenannte „Jahrhundertföhn vom 7./8.11. 1982 (Patscherkofel Spitzenbö 176 km/h, auf dem Gütsch sogar 194 km/h). Hierzu bringe ich die Wetterkarte vom 8.11. 1Uhr MEZ.
  • Genau zwanzig Jahre vorher wehte es auch sehr stark: Altdorf in der Schweiz 22°C und 140 km/h.
  • Vom 19. – 21.11. 1926 führten Föhnstürme zu großen Verwüstungen, insbesondere rund um den Kochelsee. Am 21. z.B. meldete um 7 Uhr früh Salzburg eine Temperatur von 20,4°C (Maximum 23,3°C).
Beim heurigen Föhn vom 14. bis 16.11. gab es die heftigsten Böen auf dem Sonnblick mit 217 km/h und die Schäden im Werdenfelser Land und im Chiemgau sowie im österreichischen Lungau (am 15.) und im Salzkammergut (am 16.) waren sehr beträchtlich (allein in Österreich 3 Millionen Festmeter Holz).

Ebenso bestimmend wie der Föhn waren 2002 die vielfach starken Niederschläge, die sich auch in besonders großen 24stündigen Summen zeigten:

2.11. Krunkelbachhütte/MM  73,5 mm
 Gersbach/MM   73,2
 Alberschwende/Vorarlberg 70
10.11.  Todtnau-Aftersteg  51,1
14.11.  Genf-Cointrin   93
15.11.  Brenner    73
18.11.  Lienz/Osttirol   87
23.11.  Lons-le –Saunier/F  91
29.11.  Weimar    39,5
 Erfurt-Bindersleben  33,6

Für Genf bedeutet dies die höchste 24stündige Novembermenge seit Beobachtungsbeginn 1864 und die zweitgrößte Tagesmenge überhaupt seit dem 2.10. 1888 (damals 124 mm). In Erfurt war es die größte November-Tagesmenge seit mindestens 1901, aber auch Weimar hat in den letzten 50 Jahren nur geringfügig mehr zu bieten: 40,4 mm am 18.11. 1971. 

Diese Mengen sind aber nur Kleinigkeiten, wenn man sie  mit den Niederschlägen in der Süd- und Zentralschweiz vergleicht:

15.11. Locarno-Monti  132 mm
14.11. San Bernardino  136

Das waren aber nur die Höchstmengen, vor allem vom 14. bis 16.11. gab es drei Tage hintereinander geradezu sintflutartige Niederschläge:

                     14.   15.  16.
Hinterrhein    177 172 129 mm
Camedo       203  205 203 mm

Eine solche Folge ist für die vergangenen 140 Jahre in der Schweiz einmalig.

Dass bei solchen Südstaulagen exzessive Monats-Niederschlagsmengen zustande kamen, nimmt nicht wunder. Vom Gebiet um Grenoble über den gesamten Alpenhauptkamm und südlich davon bis etwa auf Höhe der Karnischen Alpen sowie vom Oberrheingraben nach Nordosten über die Schwäbische und Fränkische Alb bis hinüber zum Erzgebirge und nördlich anschließend bis zur Goldenen Aue und bis nach Leipzig wurden vielerorts die höchsten November-Summen seit mindestens 1901 verzeichnet. Die folgende Liste bringt eine Auswahl:

 November                         2002        alter Rekord       Reihe seit

Camedo                             1398 mm 
Mosogno                            1282
Hinterrhein                          886
Locarno-Monti                   790           577 (1951)       1878
San Bernardino                   747
Stabio                                 716
Kötschach-Mauthen/Kärnt.  708
Lugano                                536           530 (1926)      1864
Reisach/Gailtal                     536           525 (1993)
Lienz/Osttirol                       330 
Sonnblick                            321                                   1890
Ambérieu                            310,8         232 (1950)
Chur                                    293                                   1901
Grenoble-St Geoirs             289
Freiburg i. Br.                     193,6         [254] (1882)    1869
Fichtelberg                          185,1         171 (1947)      1890
Weißenburg i. Bayern          129            115 (1950)      1879
Gera-Leumnitz                    124             104 (1977)      1901
Regensburg                         113,8          107 (1831)      1781 m.U.
Erfurt                                  105,2          120 (1824)      1818 m.U.
Leipzig-Schkeuditz               101,6         82 (1905)        1898
Artern                                  100            76 (1919)        1901

Von den Stationen Erfurt, Freiburg und Locarno-Monti bringe ich die Niederschlags-Grafik aller November-Monate seit Beobachtungsbeginn. In Freiburg sind die alten Niederschlagsmessungen bis etwa 1890 sehr wenig zuverlässig, die Regenmengen scheinen systematisch viel zu hoch (viele Jahresmengen von 1300 bis über 1600 mm!), so dass der maximale Wert von 1882 kaum stimmen wird. In Locarno hat überhaupt nur ein einziger Monat noch mehr Niederschlag gebracht als der November 2002, und zwar der Oktober 1889 (852 mm).

Mehrere Orte hatten nur einen November mit mehr Niederschlag als 2002, z.B.

                                2002          absoluter Rekord

Genève-Cointrin       295 mm      330 mm(1950)
Chemnitz                 133             136 (1922)
Nürnberg                125,1           126 (1950)
Dresden-Klotzsche  120             126 (1947)
Magdeburg              88,9            92 (1944)

Der Überblick wäre nicht vollständig, wenn man nicht wenigstens kurz auf andere besondere Wetterereignisse früherer Novembermonate einginge:

1. Die große Südföhnlage vom 6. – 8.11.1982. Eine charakteristische Wetterkarte jener Tage ist diesem Artikel beigefügt.
2. Der Niedersachsen-Orkan vom 13.11.1972. Von diesem Tag wird die Wetterkarte des Wetteramtes München gezeigt. 1972 war das letzte Jahr, als noch im Wetteramt Wetterkarten von Hand gezeichnet und anschließend verschickt wurden. Außerdem sieht man die Windstärken-Karten jenes Tages aus dem Bericht Nr. 135 des Deutschen Wetterdienstes („Zwei Wetterkatastrophen des Jahres 1972: Der Niedersachsen-Orkan und das Gewitter-Unwetter von Stuttgart“), S. 38.
3. Interessanterweise verlief der November vor 100 Jahren völlig gegensätzlich: er wurde gebietsweise der trockenste überhaupt. In Thüringen, Sachsen und Brandenburg sowie stellenweise in Süd- und Ostbayern und punktuell in Norddeutschland wurde er in Sachen Trockenheit bis heute nicht übertroffen:

  • Zehdenick   0  mm
  • Wittenberg   1
  • Berlin    1
  • Frankfurt a. d. Oder  2
  • Erfurt    2
  • Hof    2
  • Niederoderwitz   2,5
  • Potsdam   3,2
  • Hannover   3
  • Görlitz    3
  • Diepholz   3
  • Hamburg   3,4
  • Schkeuditz   4
  • Köthen    4
  • Dresden   4
  • Zugspitze   4
  • Bad Reichenhall  4
  • Passau    4,4
  • Landshut   4,6
  • Cottbus    5
  • Jena    5
Im Westen und Südwesten Deutschlands war allerdings von der Trockenheit nicht mehr viel zu spüren (Lingen 24, Trier 25, Aachen 28 und Freudenstadt 35 mm). 




Wolfgang Webersinke, Daxstein, 14.12.2002
 

Letzte Aktualisierung 16.12.2002
Durch Wolfgang Webersinke