VdA - Verband der deutschspr. Amateurmeteorologen

VdA-Vereinstreffen

 

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in Onstmettingen
2. VdA-Treffen 1987
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3. VdA-Treffen 1989

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4. VdA-Treffen 1991
in Markt Schwaben
5. VdA-Treffen 1993
in Münster
6. VdA-Treffen 1995
in Kall/Eifel

7. VdA-Treffen 1997

8. VdA-Treffen 1999 
in Heuchelheim
9. VdA-Treffen 2000
im Harz und Brocken
10. VdA-Treffen 2003 
in Benediktbeuern
11. VdA-Treffen 2005 
in Neuenhagen

12. VdA-Treffen 2008

in Frankfurt

 

12. VdA-Treffen vom 01.-04. Mai 2008 in Frankfurt

 

VdA-Treffen 2008:  Der Reisebericht über unseren Ausflug in den Rheingau am 02.05.2008
 

„Der Rheingau hat mich hervorgebracht, jener begünstigte Landstrich, welcher gelinde und ohne Schroffheit sowohl in Hinsicht auf die Witterungsverhältnisse wie auf die Bodenbeschaffenheit, reich mit Städten und Ortschaften besetzt und fröhlich bevölkert, wohl zu den lieblichsten der bewohnten gehört. Hier blühen, vom Rheingaugebirge vor rauen Winden bewahrt und der Mittagssonne glücklich hingebreitet, jene berühmten Siedlungen, bei deren Namensklange dem Zecher das Herz lacht, hier Rauenthal, Johannisberg, Rüdesheim und hier auch das altehrwürdige Städtchen, in dem ich, wenige Jahre nur nach der glorreichen Gründung des Deutschen Reiches, das Licht der Welt erblickte …“

(aus: Thomas Mann: Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull)
 

Für alle, die den letzten Erdkundebesuch schon länger hinter sich gelassen haben, vorab ein wenig Geographie: Eine merkwürdige Laune der Natur bringt den Rhein vor Mainz und Wiesbaden von seinem Nordkurs ab und lässt ihn von dort teilweise seenartig verbreitert (wie z. B. bei Oestrich-Winkel) bis Rüdesheim nach Westsüdwest fließen, wo er dann am Binger Loch wieder seinen Nordkurs einschlägt und durch das Rheinische Schiefergebirge fließt. Im Norden begrenzt den Rheingau der westliche Ausläufer des Taunus. Sein Kamm erhebt sich bis auf 600 Meter über NN. Dadurch ist das Rheingauer Rebgelände nicht nur gegen die rauen, kalten Nordwinde geschützt, sondern ist ihm auch die Neigung zum wärmespendenden Süden gegeben, so dass sein Klima dem der südlichen Breiten gleicht. In den Quertälern kommt noch der Schutz gegen die Ostwinde hinzu. Besonders ihre Südwesthänge werden vom Weinbau bevorzugt. Die Wirkung der Sonnenstrahlung wird vielfach noch durch den schroffen Abfall der Weinberge verstärkt. Der in einem Assmannshäuser Quertal liegende Assmannshäuser Höllenberg, in dem einer der besten deutschen Rotweine erzeugt wird, hat eine  reine Südlage.

Klimatisch ist das Gebiet vielfältig. Während die Jahresmitteltemperaturen im Rheingau bei 9,0 °C bis 9,5 °C liegen, betragen sie auf den Höhen des Taunus nur circa 7,0 °C. Die mittleren Jahresniederschläge liegen bedingt durch den Regenschatten von Taunus und Hunsrück bei 550 mm und erreichen auf den Höhen (höchste Erhebung Kalte Herberge, 619 Meter über NN) bis zu 800 mm. Bemerkenswert ist der so genannte „Wisperwind“, der als kalter Luftstrom bei Lorch am Rhein aus dem schattigen Wispertal hinaus in das Rheintal bis Rüdesheim streicht und früher der Schifffahrt mit Nebel  zu schaffen machte.

Unser Tag im schönen Rheingau begann mit einem Besuch bei der Außenstelle des Deutschen Wetterdienstes in Geisenheim. Hier empfing uns um 9.00 Uhr die Leiterin Frau Dr. Cornelia Perseke-Ockelmann zu einem Rundgang in den alten und anschließend in den neuen Klimagarten sowie  zu einer in den Weinbergen gelegenen Messstelle, an der bereits seit vielen Jahren das Kleinklima inmitten der Reben dokumentiert wird. 

Die Wetterstation Geisenheim/Rheingau liegt am westlichen Rand der Stadt direkt an den Weinbergen und damit an der Bebauungsgrenze. Immer wieder beneide ich die Beobachter um die gute und freie Lage der Station und um ihre herrlichen Ausblicke zur Abtei St. Hildegard (Nordwesten), dem Niederwalddenkmal (Germania) und Rüdesheim am Rhein im Westen, Bingen mitsamt der Kapelle auf dem Rochusberg im Südwesten und den im Süden gelegenen Donnersberg (687 Meter über NN, höchste Erhebung von Rheinland-Pfalz – weitest entfernte   Sichtmarke für Augenbeobachtungen).

Doch zunächst von mir noch einige Anmerkungen zur Historie: Die Anfänge der Wetteraufzeichnungen in Geisenheim gehen zurück auf die im Jahre 1872 durch die beharrlichen Bemühungen des „Amateur“-Pomologen Freiherr Eduard von Lade hin gegründeten Königlichen Lehranstalt für Obst- und Weinbau, an der ab 1876 auch der bekannte Biologe Prof. Dr. Dr. Hermann Müller(-Thurgau) lehrte, forschte und die nach ihm benannte Rebsorte züchtete. 

Die Jahre des Aufbaus der Lehranstalt waren schwierig. Als sich aber die Anstalt etabliert hatte bestand aus den Reihen ihrer Professoren der Wunsch, eine Klimastation einzurichten, um den Einfluss der Witterung auf die Pflanzenentwicklung und deren Krankheiten zu erforschen. 

Aber auch „das Königlich Preußische Meteorologische Institut in Berlin (Hinweis des Verfassers: der Rheingau war seit 1866 von Preußen annektiert) wünschte im Rheingau eine vollständige meteorologische Station zu besitzen, um die klimatischen Verhältnisse dieses von der Natur so begünstigten Landstichs unseres Vaterlandes in systematischer Weise erforschen zu können“.

Obwohl mit den besten Wünschen von berufener Stelle ausgestattet fehlte es damals wie heute am nötigsten, dem Geld.
Deshalb ersuchte das Meteorologische Institut mit Schreiben vom 17.04.1884 den Minister für Landwirtschaft und Forsten, die Einrichtung einer Station II. Ordnung aus den Mitteln des Ministeriums zu übernehmen. 

Dem Wunsch nach Wetterbeobachtungen in Geisenheim wurde wohl ein so hoher Stellenwert beigemessen, dass schon am 27.05.1884 der Bitte entsprochen und die Klimastation bereits im Juni 1884 durch keinen geringeren als Prof. Dr. Gustav Hellmann eingerichtet wurde. 

Es ist anzunehmen, dass neben dem Weingenuss die Naturbeobachtung in Geisenheim viel Freude bereitet haben muss, denn 1886 richtete Eduard von Lade ganz in der Nähe der Wetterstation auf dem Mittelbau seines Schlosses Monrepos ein astronomisches Observatorium ein, um sich seinen Studien zur Mondkartierung besser widmen zu können. 

Der Wissensdurst und die Anstrengungen der Wetterbeobachter müssen in den folgenden Jahren so überzeugend gewesen sein, dass bereits im April 1889 die Station mit einem der damals noch raren Sonnenscheinschreiber nach Campbell-Stokes ausgerüstet und 1896 phänologische  Beobachtungen aufgenommen wurden. Damit ist Geisenheim einer der ersten Standorte in Deutschland, an welchen die Aufzeichnung der Sonnenscheindauer und systematische phänologische Beobachtungen betrieben wurden.

Auch in Geisenheim ging die „neue Zeit“ an der Wetterstation nicht vorbei. Schon 1934 warf die Gründung des Reichswetterdienstes, in den die bis dahin eigenständigen Landeswetterdienste überführt wurden, ihren Schatten voraus. Bis einschließlich 1935 war die Wetterstation noch in die Lehranstalt integriert, um dann am 01.01.1936 in die neu gebildete agrarmeteorologische Forschungsstelle als eigenständige Dienststelle des Reichswetterdienstes überführt zu werden. Die übrigens war bis zum Ende des Krieges im Schloss Monrepos untergebracht. 

Bis auf wenige Tage im März 1945 werden nun seit 1884 tägliche Wetterbeobachtungen in Geisenheim angestellt. Die Wetterstation hat dabei in ihrer fast 125jährigen Geschichte zwar mehrere Ortsveränderungen erfahren (1915, 1936, 1972 und 1983), die aber aufgrund ihrer räumlichen Dimension (die Standorte liegen alle innerhalb eines Gebietes von weniger als einem Quadratkilometer         – allerdings seit 1972 in einer leichten Hanglage) bis auf die Windmessungen nicht zu einer Inhomogenität geführt haben dürften. Geisenheim gehört damit zu den wenigen Orten mit einer  ein-hundertfünfundzwanzigjährigen, nahezu lückenlosen und homogenen Beobachtungsreihe. 
Trotz der langjährigen Präsenz des Wetterdienstes in Geisenheim, der ebenfalls langjährigen und guten Zusammenarbeit mit der Forschungsanstalt Geisenheim sowie den regionalen und überregionalen Winzern wird wohl die Außenstelle Geisenheim bis 2012 aufgelöst und ihre Aufgaben dann aus Offenbach am Main wahrgenommen. Aber es gibt auch gute Nachrichten: die Wetterbeobachtungen in Geisenheim werden, wenn auch elektronisch, fortgeführt.

Doch zurück zu unserer Führung: Frau Perseke-Ockelmann begleitete uns zu dem Klimagarten, in dem seit 1983 die Messungen getätigt werden und anschließend zu der neuen voll-automatischen Station gut 50 Meter unterhalb, wo die Messungen schon aufgenommen wurden. Besonderes Interesse hatten unsere Teilnehmer an der neuen Messtechnik, die uns Frau Dr. Perseke-Ockelmann erläuterte und die zahlreichen Fragen der Teilnehmer beantwortete. 

Der zweite Schwerpunkt der Führung lag auf dem Thema Klimawandel und die Auswirkungen auf die Pflanzenwelt, insbesondere aber den Weinbau. Anhand verschiedener Schautafeln in der Außenstelle skizzierte uns Frau Dr. Perseke-Ockelmann das Klima von Geisenheim und den aktuellen Trend der Jahresmitteltemperatur (deutlich steigend), Jahresniederschlagssumme (leicht steigend) und Jahressumme der Sonnenscheindauer (leicht zurückgehend) sowie die Auswirkungen auf die Flora. 

Am auffälligsten konnten wir die Auswirkungen des Klimawandels der Schautafel „Phänologische Uhr für den Rheingau“ entnehmen. Sie beschreibt den mittleren Beginn und die Dauer der phänologischen Jahreszeiten der beiden Perioden 1961-1990 und 1991-2007. Hier war unter anderem deutlich erkennbar, dass der Winter in der Periode 1991-2007 später einsetzt und spürbar kürzer anhält. 

Ebenfalls sehr gut erkennbar waren die Auswirkungen der Erwärmung auf der Schautafel „Rebphänologie“, die in Zusammenarbeit mit dem Weinbauamt in Eltville am Rhein entstanden ist. Hier wurde dokumentiert, dass der Austrieb des Rieslings von 1989 bis 2007 bis auf 3 Jahre jeweils früher erfolgte, als es der langjährige Durchschnitt (28. April) erwarten ließe. Inzwischen erfolgt der Austrieb 8 Tage, der Blühbeginn 10 Tage und der Reifebeginn des Rieslings (25° Oechsle) 12 Tage früher, als im vieljährigen Durchschnitt üblich. 

Zum Abschluss der Führung vermittelte uns Frau Dr. Perseke-Ockelmann einen eindrucksvollen Kontrast zu der am Beginn der Führung gesehenen neuen Messtechnik: im Obergeschoß der Außenstelle konnten wir einige Messinstrumente aus den ersten 50 Jahren der Wetterstation Geisenheim und ein Klimatagebuch aus dem Jahre 1906 begutachten.

Anschließend fuhren wir weiter nach Rüdesheim am Rhein, dem Tor zum UNESCO-Kulturerbe Oberes Mittelrheintal. Von Rüdesheim ging es dann nach einem Aufenthalt weiter mit der Bahn nach Kaub.

Kaub, das schon außerhalb des Rheingaus liegt, ist mit der ehemaligen Zollburg Pfalzgrafenstein, von der Victor Hugo einmal sagte, sie sei „ein steinernes Schiff, ewig auf dem Rhein schwimmend, ewig angesichts der Pfalzgrafenstadt vor Anker liegend“ und der Burg Gutenfels so etwas wie der Inbegriff der Rheinromantik. Hier wandelten wir auf geschichtsträchtigem Boden, denn schon seit mindestens 1257 machte man sich die Felseninsel inmitten des Rheins zunutze, um aus einem hölzernen Turm von den vorbeifahrenden Schiffen Zoll zu kassieren. Die Lage und die Erlöse müssen so ansehnlich gewesen sein, dass der Eigentümer, Ludwig der Bayer, vom Papst mit dem Kirchbann belegt wurde, um an die Einnahmen zu kommen. Dies beeindruckte den bayerischen Pfalzgrafen wenig, denn 1326/1327 begann er auf der Insel mit der Errichtung eines massiven fünfeckigen Turms, der in den folgenden Jahrhunderten immer weiter ausgebaut und noch bis 1866 (!) als Zollstation genutzt wurde.
Unweit der „Pfalz“ setzte in der Neujahrsnacht 1813/14 und an den Folgetagen Feldmarschall Blücher mit 60.000 Soldaten, 20.000 Pferden und 200 Geschützen, zunächst mit Kähnen und später über eine von russischen Pionieren gebauten Pontonbrücke, über den Rhein, um Truppen Napoléon Bonapartes zu verfolgen. Auch aus heutiger Sicht ist dies noch immer eine logistische Meisterleistung, die aber nur im engen Mittelrheintal und nicht im Rheingau, wo der Rhein bis zu 800 Meter breit ist, gelingen konnte!

Heute kaum noch zu erkennen ist der Kauber Bergsturz vom 10.03.1876 gegenüber der Burg Gutenfels, der durch falsch gelagerten Schutt aus dem Schieferbergbau sowie anhaltende Niederschläge verursacht wurde und 21 Menschen das Leben kostete.

Vom Bahnhof gingen wir zum „300 Meter“ entfernten Schiffanleger (der eine oder andere unserer Gesellschaft behauptete jedoch, dass die Entfernung wohl eher ein Kilometer gewesen sei), wo wir auf den wegen der starken Strömung (und eines vorausfahrenden Schubverbands, den der Kapitän lange nicht überholte) verspäteten Dampfer Goethe, angabegemäß der letzte und einzige Schaufelraddampfer auf dem deutschen Teil des Rheins und angeblich der größte noch erhaltene Schaufelraddampfer der Welt, in der Sonne und bei frischem Nordwind warteten. 

Die Goethe wurde 1913 auf der Gebr. Sachsenberg-Werft in Köln-Deutz für den Güter- und Personenverkehr gebaut. Bereits 1925 erfolgte der Umbau zum Doppeldecksalonschiff. 

Im II. Weltkrieg blieb die Goethe zunächst unbehelligt, wurde dann aber doch noch durch einen Bombentreffer am 03.03.1945  bei Oberwinter versenkt. 1949 wurde sie gehoben, nach Mainz-Kastel geschleppt und dort neu aufgebaut. Das völlig zerstörte Heck wurde verlängert, die Aufbauten erneuert und die Feuerung von Kohle auf schweres Heizöl umgestellt. 1953 wurde die Goethe wieder in Dienst gestellt. 

Und immer noch hat die alte Dame mit 
ihrer Kriegsverletzung ihre Probleme: der mit den seinerzeit vorhandenen Mitteln reparierte Riss im Maschinenstuhl bereitete im letzten Jahr so große Sorgen, dass die KÖLN-DÜSSELDORFER Rheinschifffahrt AG überlegte, den Dampfer auf einen dieselelektrischen Antrieb umzurüsten. 

Nichtsdestotrotz, uns begrüßte die Goethe mit einem langen und tiefen Pfiff aus ihrer Dampfpfeife, der Start für eine ausgelassene und fröhliche Rückreise durch das Obere Mittelrheintal vorbei an malerischen Städtchen und den Burgen bzw. Ruinen Stahleck, Fürstenberg, Nollig, Heimburg, Sooneck, Rheinstein, Ehrenfels, dem Mäuseturm, Klopp und der Brömserburg.

Das Obere Mittelrheintal besteht aus drei charakteristischen Elementen: oberhalb von etwa 200 Meter Meereshöhe prägt ein flaches, wenig reliefiertes „Hochtal“ das Bild der Landschaft. Es wird abrupt unterbrochen von dem steilhängigen „Engtal“ des Rheins und seiner Nebenbäche (deutlich sichtbar auf den Bildern der Homepage www.welterbe-mittelrheintal.de und www.rheinhessen-luftbild.de). Wie wir auf unserer Rheinreise gesehen haben, grenzen die Steilhänge an den Talboden, den größtenteils das Flussbett einnimmt. Dabei ist uns aufgefallen, dass das Flussbett zwischen Rüdesheim und Trechtingshausen eine deutlich geringere Breite als weiter flussabwärts hat. Dieser Unterschied ist durch den Gesteinswechsel im Untergrund bedingt. Der Rhein räumte im Laufe der Jahrmillionen den weicheren Schiefer abwärts Trechtingshausen stärker aus als den harten Quarzit flussaufwärts. Doch nicht nur die Gesteinshärte beeinflusste die Talentwicklung sondern auch die Verstellungen des Untergrunds durch Erdbeben und der Wechsel des Klimas, durch die Wassermenge und Transportkraft wodurch die Erosionsenergie verändert wurde. 

Wir konnten erkennen, dass die Siedlungen am Fluss fast immer auf Schwemmfächern liegen, die in der letzten Eiszeit aufgeschüttet wurden, weil die Nebenbäche bei ihrer Einmündung in den Rhein an Gefälle und damit an Transportkraft verloren. Im Falle von Lorch   ist es der Schwemmfächer der Wisper, in Assmannshausen der des von Aulhausen kommenden Eichbachs. 

Der Schwemmfächer von Assmannshausen wurde schon früh bevorzugter Siedlungsplatz, nachdem das Eiszeitklima dem gemäßigten Klima gewichen war und die Schuttproduktion auf den Hängen zum Erliegen kam. Der Bach konnte sich nun stärker eintiefen, der Schwemmfächer wurde hochwasserfrei und zugleich erlaubte der Bach eine nahe Trinkwasserversorgung. 

Mit einer Stunde Verspätung sind wir in Rüdesheim angekommen und haben uns von dort auf den Weg zum Kloster Eberbach gemacht.
 

„Unsere Arbeit wurzelt in der Ewigkeit, die nie vergeht“ (Bernhard von Clairvaux, De diversis seimo 27,2)

Im Kloster Eberbach trafen wir Frau Doris Moos (www.dorismoos.de), Historikerin und Geschäftsführerin des Freundeskreises Kloster Eberbach, die uns geduldig zu ihrer Führung „Der Wirtschaftsbetrieb Kloster Eberbach: von der Arbeit der Mönche und Laienbrüder“ erwartete. 

Doch zunächst in Kürze die Historie des Zisterzienserklosters: 1136 Gründung, im 13. Jahrhundert erste Krise, 1525 Belagerung und Plünderung der Vorräte durch Rheingauer Bauern – dabei wurde das „Grosse Fass“ mit einem damals sagenhaften Fassungsvermögen von 71.000 Liter zu 3/4 geleert - , 1631 bis 1635 Emigration des Konvents nach Köln, Vertreibung der Mönche durch die Schweden, Plünderung der Kunstschätze, Bibliothek und Gerätschaften, letzte Blüte 1700 bis 1780, ab 1794 einsetzender Niedergang, 1803 Übereignung an Friedrich August von Nassau-Usingen, anschließend Aufhebung der Abtei und Einrichtung einer fürstlichen Weinkellerei, von 1808 bis 1918 Nutzung eines Teils der Anlage als militärisches Magazin, Irrenanstalt, Frauenzuchthaus, Gefängnis und Militärgenesungsheim, 1866 Errichtung der Königlichen Preußischen Weinbaudomänenverwaltung, 1946 Übergang der Immobilien und des Weinguts auf das Land Hessen, 1985 wurden hier die Innenaufnahmen für den Film „Der Name der Rose“ mit Sean Connery gedreht, 1986 Beginn der umfangreichen Sanierungsarbeiten, die inzwischen weitgehend abgeschlossen sind. Seit 1998 befindet sich das Kloster Eberbach im Eigentum einer gemeinnützigen Stiftung öffentlichen Rechts.

Eingangs erläuterte uns Frau Moos, das in jedem Zisterzienserkloster zwei Konvente, die auch räumlich von einander getrennt waren, existierten. Neben den Mönchen, die sich in einem ein- bis dreistündigen Turnus zum Chorgebet und zur Messe versammeln mussten, gab es die Laienbrüder oder Konversen, die aufgrund ihrer fehlenden Schulbildung nicht zum Chordienst befähigt waren und die die für die Zisterzienser aufgrund ihrer Regeln nötige Selbstversorgung sicherstellten. Die Entlohnung für ihre schwere körperliche Arbeit war freie Kost und Logis. Das Verhältnis der Mönche zu Laienbrüdern lag in Eberbach in der Blütezeit des Klosters bei 1 zu 4. 

Die ständische Zweiteilung der Klostergemeinde in Mönche und Konversen rief innerhalb der Zisterzen Unruhe hervor. Auch für Eberbach sind Konversenaufstände seit etwa 1200 überliefert: offenbar forderten die Laienbrüder die Beteiligung an der Leitung des Klosters, die ihrer wirtschaftlichen Leistung entsprechen sollte und die Vorrechte der Mönche sollten fallen. In den sechziger Jahren des 13. Jahrhunderts führten die inneren Auseinandersetzungen sogar zur Ermordung eines Abtes von Eberbach durch einen Laienbruder.

Trotz dieser Querelen wirtschafteten die Konversen und Mönche von Anfang an sehr erfolgreich: bereits im 12. und 13. Jahrhundert ist es dem Eberbacher Kloster gelungen, 205  Wirtschaftshöfe und einem Grundbesitz von 25.000 Morgen (= 62,5 Millionen Quadratmeter!) zu gründen und zu verwalten. Die auch als Grangien bezeichneten Wirtschafthöfe erstreckten sich von Dorndorf im Westerwald bis Worms und von Langendiebach bei Hanau bis Boppard. Hinzu kam der Weinstapel- und Handelsplatz in Köln sowie eine eigene Schiffsflotte mit drei Schiffen nebst Anlege- und Verladestelle bei Hattenheim am Rhein. Des Weiteren hatte das Kloster das Privileg, auf dem Rhein Güter zu transportieren ohne Zoll entrichten zu müssen. 

Damit war Eberbach in seiner Blütezeit größter Weinwirtschaftbetrieb der Welt.

Der Erfolg dieses „Konzerns“ war begründet in der weitsichtigen Organisation des Klosters, der regelmäßigen Revision und die schon frühe Arbeitsteilung. 

Der Grundbesitz war wie gesagt einheitlich in Grangien gegliedert. Mit einer durchorganisierten Aufsicht durch den Abt und seine Helfer war die enge Bindung an die Klosterzentrale gewährleistet. Die Buchführung war vorgeschrieben, nicht zuletzt um die jährliche Betriebskontrolle zu ermöglichen. Bereits seit dem 12. Jahrhundert lässt sich auf den Grangien eine Arbeitsteilung nachweisen. Zur täglichen Selbstversorgung dienten die weiterverarbeitenden Werkstätten wie zum Beispiel Brau- und Backhaus, Kelter, Schlachthaus, Schlosserei, Schreinerei, Mühle, Weber- und Schneiderei. Daneben wurden Leder gegerbt, Schuhe und andere Gebrauchsgegenstände aus Leder produziert sowie Bücher kunstvoll gebunden.

Neben der Viehzucht wurden auch die Imkerei und die Fischzucht betrieben.

Das Verhältnis Aussaat zu Erntemenge und die Erträge pro Flächeneinheit waren im Vergleich zu anderen Gütern, auch anderen Zisterzen, recht beachtlich. Im Weinbau nahm Eberbach unter allen Zisterzienserabteien eine absolute Sonder- und Spitzenstellung ein. Der Wein wurde Handelsprodukt Nummer 1, ist er doch ein lagerfähiges Fertigprodukt, zu dessen Vertrieb der Rhein den denkbar günstigsten Verkehrweg bot und Eberbach auf dem Rhein Zollfreiheit genoss. Zwischen 40 % und 60 % der Erlöse wurden aus dem Weinverkauf erzielt.
Bereits im 12. Jahrhundert wurde ein Weingarten mit dem Namen Steinberg angelegt, der rasch arrondiert und mit einer hohen Steinmauer, die aber erst 1766 fertig gestellt wurde, umfasst. Neben dem Schutz vor Wild und Traubendieben fördert die heute noch existente Mauer auch ein besonderes Kleinklima.

Wer möchte, kann unserer Führung nun virtuell folgen: bitte die Seite www.klostereberbach.de aufrufen und die Schaltfläche „Klosterräume“ und dann „Veranstaltungsräume“ anklicken. Bei Anklicken der runden Schaltfläche wird die Lage des Raumes im Plan angezeigt und bei Anklicken des jeweiligen Raumes werden weitere Informationen und Bilder gezeigt. Auf dieser Seite finden Sie neben zahlreichen schönen Fotos auch interessante Details über die Geschichte, die Sanierung des Klosters, Wege und Gebäudepläne und zahlreiche Veranstaltungshinweise.

Frau Moos führte uns in den Hospitalkeller (bitte unter „mittlere Räume“ anklicken), einer um 1220 erbauten frühgotischen, oberirdischen Halle, in der zunächst das Krankenhaus des Klosters untergebracht war. Vor dort aus gingen wir zur Schatzkammer des Klosters (nicht im Lageplan enthalten), wo fachmännisch umsorgt die Spitzenjahrgänge lagern. Die ältesten Weine waren lange Zeit zwei Auslesen des Jahrgangs 1857 aus Rüdesheimer und Rauenthaler Lagen. Doch vor wenigen Jahren hatten die Staatsweingüter die Chance, aus dem Besitz des Weinguts der Hoechst AG einen Hochheimer aus dem Jahre 1806 zu erwerben, der jetzt das älteste Prunkstück im Keller ist. 

Wie viele Flaschen dort lagern, wird traditionell nicht preisgegeben. „Einige zehntausend“ ist regelmäßig die Antwort des Geschäftsführers der Staatsweingüter. Als in der Nacht zum 26.04.2005 der Kisselbach nach einem Starkregen Teile des Klosters überflutete und das Wasser 1,50 Meter hoch in der Schatzkammer stand, rutschte vor lauter Schreck doch eine Zahl heraus: fast 30.000 Flaschen, so wurde Ende Februar 2006, mitgeteilt habe man inzwischen sorgsam vom Schlamm befreit und gespült. Zum Glück waren die Flaschen in ihren Fächern liegen geblieben, sonst hätte niemand mehr sagen können, ob er einen 1921er Steinberger Riesling oder einen 1959er Rauenthaler Baiken herausgefischt hatte. 

Jedes Jahr kommen etwa 1.000 Flaschen neu hinzu, doch werden auch ebenso viele Flaschen für den Verkauf, Auktionen und Verkostungen benötigt.

An der Schatzkammer ist uns dann ein kleines Malheur passiert: entweder durch den Blitz einer Kamera oder vielleicht weil ein Mitglied unserer Gruppe seine Kamera durch die Gitterstäbe der Eingangstür steckte, lösten wir den Alarm aus.

Um weiteren Ärger zu vermeiden begaben wir uns flugs, während Frau Moos die Angelegenheit regelte, in den Cabinetkeller in der ehemaligen Fraternei, einem Arbeitsraum, in dem die Mönche ursprünglich Bücher kopierten. 

Um sich gegen die Einbußen schlechter Jahrgänge abzusichern wurde 1730 ein so genannter „Cabinetkeller“ eingerichtet, in dem nur ausgesuchte Jahrgänge eingelagert wurden. Der Begriff ist angelehnt an die von Fürstenhöfen damals eingerichteten Sammlungen von Kostbarkeiten, Kuriositäten und Raritäten, die als Kunst- oder Wunderkammern oder eben Cabinet bezeichnet wurden. In schlechten Jahren wurden dann auch  gute Jahrgänge verkauft, um die Erlöse aus dem Weinverkauf zu stabilisieren. 

Hier wie auch im Hospitalkeller fiel uns  der schwarze Kellerschimmel auf, der die Gewölbe und Wände bedeckt. Er gilt als Indikator, dass die klimatischen Verhältnisse für das lange Lagern von Wein ideal sind und ist der Stolz des Kellermeisters.

Der weitere Weg führte uns dann in das Mönchsrefektorium (Speisesaal), der einzige Raum im Kloster der repräsentativ ausgestaltet wurde und in die dahinter liegende Klosterküche (Vestibül). 

Von hier aus ging unser weiterer Weg durch den Kreuzgang zu dem Speisesaal 
der Konversen (Laienrefektorium).

Aus der Größe dieses im Übergang vom 12. zum 13. Jahrhunderts errichteten 93 Meter langen Konversenbaus kann man auf die Zahl der Laienbrüder und auf die Größe des Wirtschaftsbetriebs schließen. Der Speisesaal der Konversen wurde am Ende des Mittelalters zu einem Weinkeller umgebaut und 1707 bis 1734 aufgestockt. Das gesamte Obergeschoß diente als Schlafsaal der Laienbrüder.

Heute erinnern noch 16 Dockenkeltern an die hohe Zeit des Weinbaus in Eberbach. Die älteste stammt aus dem Jahre 1668, die jüngste wurde kurz vor der Auflösung des Klosters gefertigt. Einige von ihnen waren bis in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts in Gebrauch.

Wir besichtigten sodann die letzte von den Zisterziensern gebaute Kelter. Die Inschrift VINUM DELECTAT ET LAETIFICAT COR HOMINUM wurde von einem unserer Teilnehmer trotz der schon länger zurückliegenden Schulzeit mit DER WEIN ERGÖTZT UND ERFREUT DAS HERZ DER MENSCHEN und die rot (hier im Text fett) angelegten Buchstaben mit 1801 übersetzt – die letzte sichtbare Aussage der Eberbacher Zisterzienser über Sinn und Zweck ihres Weinbaus. 

Von hier aus gingen wir weiter zu dem sich am Konversenbau anschließenden Brau- und Backhaus sowie zu der ehemaligen Wagnerei und den Ställen, wo unsere Führung dann endete.

Meine Frage, ob in Kloster Eberbach Wetteraufzeichnungen getätigt wurden, konnte Frau Moos leider nicht beantworten. Hinweise darauf sind ihr keine bekannt. Sollten Wetterbeobachtungen aufgezeichnet worden sein, ist anzunehmen, dass sie 1803 bei Auflösung des Klosters untergegangen sind. Denn die Bücher, die nicht in den Bestand der von Charlotte Amalie von Nassau-Usingen gegründeten Bibliothek übergingen (heute Hessische Landesbibliothek Wiesbaden) wurden als Makulatur verkauft und gingen damit verloren.

Mein herzlicher Dank geht nochmals an Frau Moos, die uns trotz unserer Verspätung die vollen eineinhalb Stunden durch das Kloster führte, obwohl sie inzwischen von ihren Gästen zuhause erwartet wurde. 

Von Kloster Eberbach fuhren wir dann weiter zur Hockenberger Mühle zwischen Wiesbaden-Kloppenheim und Auringen, wo wir dann nach einem anstrengenden, aber spannenden Tag die wohlverdiente Stärkung in ausgelassener Runde zu uns nehmen konnten.

Damit endet mein Reisebericht über unseren Ausflug in den Rheingau. Ich verzichte an dieser Stelle auf die Veröffentlichung von Bildern, weil sie  beim Kopieren nicht die nötige Qualität erreichen können.

Wer dennoch auf Bilder nicht verzichten und sich noch weitere Informationen verschaffen möchte, für den habe ich hier einige Fundstellen im Internet zusammengestellt.

Die informativsten Seiten über die Geschichte und Persönlichkeiten des Rheingaus von Herrn Stefan Baldi (www.rheingau-chronik.de) sind leider seit gut einem Monat nicht mehr erreichbar. Ich nenne sie trotzdem, denn vielleicht ist die Homepage bald wieder abrufbar. 

Schöne Bilder von Geisenheim und vom Rheingau, aber kaum geschichtliches, findet man auf der Seite www.rheingau.de. Geisenheim aus der Luft lässt sich herrlich bei www.rheinhessen-luftbild.de betrachten (um jedem Irrtum vorzubeugen: der Rheingau liegt natürlich nicht in Rheinhessen). Dort findet sich auch eine schöne Luftaufnahme vom Kloster Eberbach  und zahlreiche Aufnahmen vom Oberen Mittelrheintal. 

Einen kurzen geschichtlichen Überblick und einige gelungene Fotos über Kaub und die Zollburg Pfalzgrafenstein sowie verschiedene Internetverweise sind bei www.wikipedia.de unter dem jeweiligen Stichwort zu finden. Der Wikipedia-Artikel über die Forschungsanstalt Geisenheim wurde in die Liste der exzellenten Artikel aufgenommen. Dort ist auch ein Bild von Schloss Monrepos mit seinem astronomischen Observatorium zu finden. 

Die Geschichte des Dampfers „Goethe“ wird ausführlich unter www.seven-stars.de/goethe/original.htm beschrieben. 

Eine schöne Bildergalerie vom Oberen Mittelrheintal findet sich auf der Homepage www.rheinsteig.de und weitere zahlreiche Informationen zu herrlichen Bildern gibt es auf der bereits genannten Seite www.welterbe-mittelrheintal.de. 

Einen übersichtlichen Abriss der Geschichte des Mittelrheintals und zur Geologie des Rheinischen Schiefergebirges findet man ebenfalls bei Wikipedia. Viele interessante, seltene, alte Bilder, Karten sowie geschichtliche Informationen sind auf den Seiten der Homepage www.rheinschifffahrtsgeschichte.de/index%20Dateien/Zweig.html, die zum Stöbern einladen, zu finden.

Viel Freude und Kurzweil bei der virtuellen Erkundung!
Mühlheim am Main im Mai 2008
Rolf Riegel
 

 

Bericht über das Treffen des VdA in Südhessen

Protokoll des 12. VdA-Treffens in Frankfurt

Persönliche Anmerkungen zum VdA-Treffen

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